In den letzten Jahren hat sich in Frankreich eine neue Generation von Dramatiker*innen herausgebildet: Rébecca Chaillon, Eva Doumbia, Penda Diouf und Laetitia Ajanohun stehen exemplarisch für vielseitige Künstlerinnen, die oft auch als Prosaautorinnen, Schauspieler- innen und Regisseurinnen arbeiten und sich dem Aktivismus verschrieben haben. Wichtige Vordenkerin unter ihnen ist Léonora Miano. In ihrem Werk ebnet die erfolgreiche afro- französische Autorin den Weg für eine neue Schwarze Identität und Geschichtsschreibung in Europa, und systematisierte den Begriff „Afropéanité“: eine afro-europäische Identität.
Was diese zeitgenössischen Theaterautorinnen in ihrer Aneignung des Konzepts „Afropéanité“ verbindet, ist die Suche nach einer Form der kulturellen Hybridität jenseits des Nationalstaatsprinzips, die den Blick auf die Auswirkungen des jahrhundertealten kolonialen Erbes lenkt und das Selbstbewusstsein Künstler*innen subsaharischer Herkunft in der Diaspora stärkt.
In ihren Theater- und Performancetexten schaffen sie neben starken Frauenfiguren Perspek- tiven auf männliche Realitäten und zeichnen ein frappierendes Bild der strukturellen Unterdrückung, die Schwarze Menschen in der französischen Gesellschaft erleiden.
Rekurrierende Motive sind u.a. der objektifizierende Blick weißer Männer, rassistisch motivierte Diskriminierung in allen gesellschaftlichen Schichten und vielen staatlichen Institutionen, Polizeigewalt gegen Schwarze Jugendliche, rassistische Stereotype aus der Kolonialzeit und internalisierter Rassismus, aber auch die Lust an derDekonstruktion einer Schwarzen Identität sowie afrofeministische Positionen.
Was vermag dieser neue Blick auf die Geschichte der Migration, des Ankommens und der Verwurzelung afrikanischer Kulturen im Frankreich des 21. Jahrhunderts aufzudecken? Wie können diese Narrative mit den gelebten Realitäten der afrodeutschen Community in Deutschland in Resonanz treten? Welche künstlerische Form verhilft ihnen zu mehr Sichtbarkeit auf deutschen und internationalen Bühnen? Welchen Einfluss haben diese Werke auf die Art und Weise, wie Schwarze Stimmen auf diesen Bühnen gelesen werden?
Einen wichtigen Beitrag leistet Drama Panorama: Forum für Übersetzung und Theater e.V., denn ihre mangelnde Rezeption geht auch auf einen Mangel an vorliegenden Übersetzungen zurück. Die komplexe Thematik und die sprachliche Ausdruckskraft dieser Werke stellen Übersetzer*innen vor große Herausforderungen. Diese zu meistern erfordert nicht nur umfangreiche sprachliche Kompetenz sondern auch eine genaue Kenntnis der politischen Kontexte, postkolonialen Debatte, kulturellen Verwerfungen und des diskursiven Instrumentariums.
Die Übersetzungen werden in Form einer Anthologie in der Buchreihe Drama Panorama veröffentlicht, die im Berliner Neofelis Verlag erscheint. Der erste Band in dieser Reihe, Von Masochisten und Mamma-Guerillas – Neue tschechische Dramatik, ist im Juni 2018 erschienen. Der Band Afrodiasporische Dramatik aus Frankreich (hg. von Charlotte Bomy und Lisa Wegener) wird im Frühjar 2021 im Neofelis Verlag erscheinen.